| Bomas-Verlag |
Hesse, Klaus; Springer, Philipp: Vor aller Augen - Fotodokumente des nationalsozialistischen Terrors in der Provinz. Klartext, Essen, 2002 antiquarisches Einzelstück, 320 Seiten, 726 g, Preis inklusive Versand in Deutschland: 36 € Die Sammlung vorwiegend unveröffentlichter und meist privat entstandener Fotografien, die unterschiedliche Aspekte rassistischer und politischer Verfolgung in ländlichen Gebieten Deutschlands während des Nationalsozialismus dokumentieren, ist das Ergebnis eines seit 1998 durchgeführten Projektes der Topographie des Terrors. Ausgehend von der Erkenntnis, dass das überlieferte und häufig wiedergegebene Bildmaterial aus dem „Dritten Reich" vornehmlich zentralen Archiven entnommen ist, befragten die Herausgeber zahlreiche lokale Archive nach Fotografien, auf denen nationalsozialistische Gewalt abgebildet ist. Daraufhin stellten über 200 Einrichtungen und Sammlungen weit über tausend Reproduktionen zur Verfügung. Wer nur den Titel liest, mag anfangs stutzen, denn dort ist vom „nationalsozialistischen Terror" zu lesen, als ob nicht Juden und als solche von den Nationalsozialisten definierte im Zentrum der staatlichen Verfolgung gestanden hätten. In den insgesamt sechs Kapiteln wird der Verfolgung und Vernichtung der deutschen Juden aber sehr wohl der Platz eingeräumt, der ihm gebührt, nämlich der zentrale. Gleichzeitig soll der Band einen übergreifenden Blick auf Verfolgung im Nationalsozialismus ermöglichen, wenngleich große Opfergruppen wie Sinti und Roma, Zeugen Jehovas und Homosexuelle entweder überhaupt nicht oder lediglich mit vereinzelten Aufnahmen vertreten sind. Das Buch wird von einem informativen Aufsatz des Historikers Philipp Springer eröffnet, in dem er den Umgang mit Fotografien aus dem Nationalsozialismus, die Probleme der Quellenkritik und die wissenschaftliche Beschäftigung mit Fotos aus der NS-Zeit skizziert. Der Autor beklagt das mangelnde Interesse der Geschichtswissenschaft an Fotografien als Quellengattung und ist bemüht, die einschlägigen Forschungen möglichst umfassend zu berücksichtigen, was streckenweise jedoch etwas additiv wirkt. Das erste Kapitel enthält Fotografien, die Verhaftungen und Demütigungen von sozialdemokratischen und kommunistischen Gegnern des NS-Regimes in den Jahren 1933 bis 1935 und Augenzeugen dieser Taten aus der Bevölkerung zeigen. Im nächsten Kapitel stehen Fotos vom organisierten Boykott am 1. April 1933 im Vordergrund, auf denen neben Passanten auch einzelne Frauen, die den antisemitischen Boykott-Aufruf missachteten, zu sehen sind. Wie alltäglich der Antisemitismus in Deutschland war, zeigen exemplarisch Fotografien von Fastnachtszügen, in denen als Juden „verkleidete" Deutsche die jüdische Auswanderung nach Palästina darstellen und zu persiflieren versuchen (Abb. 89–92). Das dritte Kapitel zeigt Zerstörungen des Pogroms am 9. November 1938 und das große Interesse der ländlichen Bevölkerung an diesen Ereignissen. Deutlich zu sehen ist, wie unter anderem in Ober-Ramstadt die Feuerwehr lediglich die Nebengebäude der brennenden Synagoge schützt und das Gotteshaus kontrolliert abbrennen lässt. Das vierte Kapitel widmet sich einem anderen Aspekt der NS-Rassenpolitik, den öffentlichen Demütigungen von deutschen Frauen, denen Kontakte zu Zwangsarbeitern vorgeworfen wurden. Der auf Marktplätzen inszenierte Ausstoß dieser Frauen aus der „Volksgemeinschaft", das gewalttätige Abschneiden ihrer Haare vor einem mehr oder minder großen Publikum machte die Zuschauer/innen zu einem wesentlichen Teil der Bestrafung. Es ist erschütternd zu sehen, wie beispielsweise eine feixende und vermutlich johlende Menge auf dem Ulmer Marktplatz im August 1940 (Abb. 177) ein solch finsteres Schauspiel zu einem vergnügten Volksfest zu machen wusste. Das fünfte und umfangreichste Kapitel zeigt Fotografien von Deportationen der jüdischen Bevölkerung und ihre organisatorische Durchführung. Der Transport der meist kleinen Gruppen von Jüdinnen und Juden aus den verschiedenen ländlichen Teilen erfolgte – auch auf den Abbildungen zu sehen – teilweise möglichst geheim, in den meisten Fällen jedoch unter erheblichem Interesse der Bevölkerung. Die Fotos können naturgemäß nicht die Frage nach dem konkreten Wissen der Augenzeugen um den Holocaust beantworten, sie zeigen gleichwohl, dass die Deportationen auch in der Provinz aufmerksam verfolgt wurden. Ein kurzes letztes Kapitel zeigt die Lagerung von Möbeln, die Juden geraubt wurden, und die Versteigerung von Hausrat aus dem Besitz jüdischer Familien. In einem abschließenden Textbeitrag beschreibt Klaus Hesse die Schwierigkeiten, aber auch Möglichkeiten einer Interpretation der Fotografien von den Deportationen. Er schlägt Lesarten der hauptsächlich von Mitarbeitern der Gestapo angefertigten Fotografien vor, wobei etliche Fragen trotz umfangreicher Recherchen offen bleiben müssen. „Vor aller Augen", der programmatische Haupttitel des Bandes, verdichtet die auf den Fotos erkennbare Wahrnehmung der nationalsozialistischen Verbrechen, insbesondere der Judenverfolgung, und das Wissen um sie auch in ländlichen Gebieten Deutschlands. Die Frage nach der Motivation der meist privaten „Knipser" der Fotografien kann jedoch auch diese Veröffentlichung nur selten erhellen. Sie positioniert sich zudem spürbar zur Ausstellung „Vernichtungskrieg" des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Denn inhaltlich ergänzt sie die Abbildungen der „im Osten" begangenen Verbrechen um Aufnahmen der ersten Stationen zum Holocaust aus der deutschen Provinz, handwerklich erschließt sie die publizierten Fotos besonders sorgfältig und quellenkritisch. Die publizierten Fotos sind dabei mehr als Illustrationen bereits bekannter Tatsachen, sie sind vielmehr neue Quellen, die einen erweiterten Blick auf die Geschichte des Nationalsozialismus abseits der bekannten Bilder ermöglichen. Lars Amenda, Hamburg Personenregister: Aeckerle, Richard 127 |